Übersetzung: Für den Big Man von Bruce Springsteen

Rolling Stone.de war schneller als ich Sorry.  Aber ich habe euch das Bild gesucht, von dem Bruce redet.  Nun der Text von Rolling Stone.de:

…“Dies ist eine überarbeitete Version der Grabrede, die ich bei Clarences Gedenkfeier gehalten habe“, so Springsteen erläuternd. „Ich möchte allen unseren Fans und Freunden danken, die uns in diesen vergangenen, schwierigen Wochen getröstet haben.“ Hiermit übergeben wir das Wort an Bruce Springsteen:

Ich habe hier gesessen und allen dabei zugehört, wie sie über Clarence sprachen und dabei ein Foto von uns beiden angestarrt. Es ist ein Bild von Scooter und dem Big Man, von den Personen, die wir manchmal waren. In diesem Foto sieht man, wie Clarence seine Muskeln bewundert, und ich versuche, mich lässig gegen ihn zu lehnen. Ich habe mich oft an Clarence angelehnt, in gewisser Weise war das wohl mein Nebenjob.

Diejenigen, die an Clarences Leben teilhatten, teilten auch seine Liebe und seine Verwirrung.  Obwohl „C“ mit dem Alter sanfter wurde, war er immer wie eine wilde und unvorhersehbare Achterbahnfahrt. Heute sehe ich hier seine Söhne Nicky, Chuck, Christopher und Jarod sitzen und ich sehe eine Menge von C’s Qualitäten. Ich sehe sein Licht, seine Dunkelheit, seine Süße, seine Rauheit, seine Zärtlichkeit, seine Wut, seine Brillanz, seine Schönheit und seine Güte. Aber, wie ihr Jungs gut wisst, war euer Pop kein Zuckerschlecken. „C“ lebte ein Leben, in dem er tat, was er wollte und die Hobelspäne, ob nun menschlich oder nicht, einfach fielen, wie sie flogen. Wie viele von uns war euer Pop dabei zu großartiger Magie im Stande,  aber auch dazu, eine unglaubliche Sauerei zu veranstalten. Das war die Natur eures Vaters, meines wunderschönen Freundes. Clarences vorbehaltlose Liebe, die es wirklich gab, kam mit einer Menge Bedingungen. „C“ ist eine Sache nie linear angegangen, sein Leben ist niemals in einer geraden Linie verlaufen. Er ist nie der Reihe nach von A nach B nach C nach D gelaufen. Es war immer „A… J… C… Z… Q… I… !“ So hat Clarence sein Leben gelebt und sich seinen Weg in der Welt gebahnt. Ich weiß, dass dies eine Menge Verwirrung und Schmerz verursachen kann, aber euer Vater hat viel Liebe mit sich gebracht und ich weiß, dass er jeden von euch wirklich sehr geliebt hat.

Es hat ein Dorf gebraucht, um sich um Clarence zu kümmern. Tina, ich bin so froh, dass du da bist. Danke, dass du dich um meinen Freund gekümmert hast, und ihn geliebt hast. Victoria, du warst Clarence eine liebende und gütige Ehefrau und hast in den schwierigen Zeiten seines Lebens einen gigantischen Unterschied gemacht. An die vielen, die „C“ unterstützten, es sind zu viele Namen um sie alle zu nennen: Ihr wisst, dass ihr gemeint seid, und wir danken euch. Eure Belohnung erwartet euch am perlenbesetzten Tor. Mein Kumpel war ein rauer Bursche, aber er brachte Dinge in die Welt, die einzigartig waren. Und wenn er dieses Licht der Liebe anmachte, erleuchtete es die Welt. Ich hatte das Glück, in diesem Licht fast 40 Jahre lang zu stehen, in der Nähe seines Herzens, im Temple of Soul.

Nun ein kleiner Exkurs in seine Geschichte: Zu Anfang, als Clarence und ich begannen, miteinander zu reisen und wir bei einem unserer Nachtquartier ankamen, hatte „C“ sein Zimmer immer binnen Minuten in seine eigene kleine Welt verwandelt. Ausgepackt wurden bunte Schals, die über Lampen gehängt wurden, Duftkerzen, Patschuliöl, Kräuter, Musik. Der Tag wurde aus diesem Zimmer verbannt, Entertainment kam und ging – und Clarence, der Schamane, regierte in diesem Raum und wirkte seine Magie, Nacht für Nacht. Clarences Fähigkeit, sich an Clarence zu erfreuen war unglaublich. Nach einem Leben von 69 Jahren hatte er einen guten Lauf, da er schon ungefähr zehn Leben gelebt hat – also 690 Lebensjahre von dem Leben eines durchschnittlichen Menschen. Jede Nacht, an jedem Ort, flog die Magie aus C’s Koffer. Sobald der Erfolg es erlaubte, wurde sein Umkleideraum derselben Prozedur unterzogen wie sein Hotelzimmer, bis man das Gefühl hatte, dass man einen herrschaftlichen Staat besuchte, der gerade auf gigantische Ölreserven gestoßen war. „C“ wusste immer, wie man richtig lebt. Lange bevor Prince seine Windeln ablegte, regierte eine Aura des sexuellen Mystizismus in der Welt des Big Man. Ich wanderte von dort zurück in meinem Umkleideraum, in dem mehrere Sofas und ein paar Spinde wie in einer Sporthallte standen, und ich fragte mich, was ich wohl falsch machte! Irgendwann in dieser Zeit wurde das alles der „Temple of Soul“ getauft, und „C“ herrschte über dessen Geheimnisse und Freuden. Die Erlaubnis zu haben, diesen Tempel zu besuchen, war eine wundervolle Sache.

Als mein junger Sohn Sam von dem Big Man verzaubert wurde, überraschte es mich nicht wirklich. Aus der Sicht eines Kindes war Clarence eine emporragende Märchenfigur aus einer sehr exotischen Geschichte. Er war ein Riese mit Dreadlocks, großen Händen und einer tiefen, honigsüßen Stimme, die mit Liebe und Aufmerksamkeit gewürzt war. Und für Sammy, der nur ein kleiner, weißer Junge war, war er mysteriöserweise tiefschwarz. In Sammys Augen musste „C“ wie die Personifikation des afrikanischen Kontinents erscheinen, durchzogen von der amerikanischen Coolness und verpackt in einer offenen und liebevollen Figur. Also entschied sich Sammy, meine Arbeiterhemden zu ignorieren und war fasziniert von Clarences Anzügen und seinen königlichen Roben. Er lehnte einen Platz im Van seines Vaters ab und wollte auf der langsamen Fahrt zur Show neben „C“ in seiner Stretch-Limousine sitzen. Er entschied sich, dass ein Abendessen vor den Sporthallen-Spinds nicht gut genug war und verschwand in den Temple of Soul.

Natürlich war auch Sams Dad verzaubert, vom ersten Moment, da ich ihn aus dem Schatten einer halbleeren Bar in Ashbury Park treten sah. Ein Pfad öffnete sich vor ihm, hier kam mein Bruder, mein Saxophonist, meine Inspiration, mein Partner, mein lebenslanger Freund. Neben Clarence zu stehen, war als stünde man neben dem härtesten Typen des Planeten. Man war stolz, man war stark, man war aufgeregt und freute sich auf das, was passieren konnte und auf das, zu dem man gemeinsam in der Lage war. Man hatte das Gefühl: Egal was tags oder nachts passierte – nichts konnte einem etwas anhaben. Clarence konnte zerbrechlich sein, strahlte aber dennoch Kraft und Sicherheit aus. Und so beschützten wir uns in einer absurden Art und Weise gegenseitig. Ich denke, ich habe „C“ vor einer Welt beschützt, in der es immer noch nicht einfach war, groß und schwarz zu sein. Rassismus war immer noch präsent – und wir sahen das oft in den Jahren, die wir zusammen verbrachten. Clarences Berühmtheit und Größe machten ihn nicht dagegen immun.  Ich denke, dass „C“ vielleicht mich vor einer Welt beschützt hat, in der es nicht leicht war, ein unsicherer, dünner, weißer Junge zu sein. Aber zusammen waren wir harte Kerle, jede Nacht, auf unserem Terrain, zwei der härtesten Typen dieses Planeten. Wir waren vereint, wir waren stark, wir waren rechtschaffen, wir waren unbestechlich, wir waren witzig, wir waren höllisch kitschig und todesernst.  Und wir sind in eure Stadt gekommen, um euch wach zu rütteln. Zusammen erzählten wir eine ältere, reichhaltigere Geschichte über die Möglichkeiten einer Freundschaft, die über das hinausgingen, was ich in meinen Songs erzählte. Clarence trug das in seinem Herzen. Es war eine Geschichte, wo der Scooter und der Big Man nicht nur eine Stadt halb zerstörten, nein wir haben auch Leuten in den Arsch getreten und die Stadt neu errichtet und sie dabei zu dem Ort gemacht, in dem unsere Freundschaft keine Anomalie sein würde. Das ist es, was ich vermissen werde. Die Chance, diesen Schwur zu erneuern und diese Geschichte Nacht für Nacht zu wiederholen, denn das ist etwas, das was wir zusammen gemacht haben, das war unser Ding. Wir zwei. Clarence war groß, und das gab mir das Gefühl, groß zu sein und es ließ mich groß denken, lieben und träumen. Wie groß war der Big Man? Too fucking big to die. Und das ist eine Tatsache. Ihr könnt es auf seinen Grabstein schreiben oder es auf eurer Herz tätowieren. Akzeptiert es, dies ist die Neue Welt.

Clarence hat die E Street Band nicht verlassen, als er gestorben ist. Er wird sie verlassen, wenn wir sterben.

Ich werde meinen Freund vermissen, sein Saxophon, die Naturgewalt, die sein Sound war, seine Pracht, seinen Leichtsinn, seine Errungenschaften, sein Gesicht, seine Hände, sein Humor, seine Haut, seine Geräusche, seine Verwirrung, seine Kraft, seinen Frieden. Aber seine Liebe und seine Geschichte, die Geschichte die er mir gegeben hat, die er in mein Ohr geflüstert hat, die er mir erlaubt hat, zu erzählen, und die er euch gegeben hat, die wird weiterleben. Ich bin kein Mystiker, aber der Sog, das Geheimnis und die Kraft der Freundschaft von Clarence und mir lässt mich glauben, dass wir schon in einem früheren Leben nebeneinander standen, in einer anderen, älteren Zeit, neben anderen Flüssen, in anderen Städten, auf anderen Feldern und unsere bescheidene Version von Gottes Werk taten. Ein Werk, das immer noch nicht fertig ist. Also werde ich meinem Bruder nicht „Tschüss“ sagen, ich werde einfach nur sagen „Wir sehen uns im nächsten Leben“, ein Stück weiter auf der Straße, wo wir uns wieder an die Arbeit machen werden und es zu Ende bringen.

Big Man, danke für deine Liebenswürdigkeit, deine Stärke, deinen Einsatz, deine Arbeit, deine Geschichte. Danke für das Wunder… und dafür, dass du einen kleinen, weißen Burschen durch den Hinterausgang deines Temple of Soul hast schlüpfen lassen.

SO LADIES AND GENTLEMAN… ALWAYS LAST, BUT NEVER LEAST.  LET’S HEAR IT FOR THE MASTER OF DISASTER, the BIG KAHUNA, the MAN WITH A PHD IN SAXUAL HEALING, the DUKE OF PADUCAH, the KING OF THE WORLD, LOOK OUT OBAMA! THE NEXT BLACK PRESIDENT OF THE UNITED STATES EVEN THOUGH HE’S DEAD… YOU WISH YOU COULD BE LIKE HIM BUT YOU CAN’T!   LADIES AND GENTLEMEN, THE BIGGEST MAN YOU’VE EVER SEEN!… GIVE ME A C-L-A-R-E-N-C-E.  WHAT’S THAT SPELL? CLARENCE! WHAT’S THAT SPELL? CLARENCE! WHAT’S THAT SPELL? CLARENCE! … Amen.

Ich werde euch heute verlassen mit einem Zitat des Big Man selbst, das er auf dem Flug, nach der letzten Show unserer letzten Tour, von Buffalo nach Hause mit uns teilte. Als wir in der vorderen Kabine feierten und uns gegenseitig für die vielen epischen Shows, rockigen Nächte und guten Zeiten beglückwünschten, saß „C“ still und nahm alles auf. Dann hob er sein Glas, lächelte und sagte zu allen Anwesenden: “ This could be the start of something big.

Ich liebe dich, „C“.

Quelle: Rolling Stone.de

Clarence Clemons, 1942 – 2011

2 Kommentare

  1. Bruce findet wie immer die richtigen Worte !!


  2. die verbeugung sagt einfach mehr als 1000 worte…


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